GLAS

ist ein Grenzmaterial. Das Fenster ist ein Grunderlebnis, jedes Kind kennt es, und wenn man eine gläserne Skulptur sieht, dann schwingt das mit. Wir definieren
den Raum, in dem wir stehen, als Innenraum und das andere als etwas „Jenseitiges“. Sehen wir durch eine gläserne Skulptur hindurch, nehmen wir zusätzlich auf, was dahinter ist – bewusst oder unbewusst. Dies ist ein einzigartiges Phänomen, ein Störfaktor, auch ein Reiz, eine Bereicherung, ein Atmen des Raumes.
Von daher rührt die Beziehung des Glases zur Architektur, stärker als bei jedem anderen Material. Denn „Raum“ bringt sich in das Gebilde ein und wird zugleich durch dieses verändert. Der Beobachter sieht die Plastik und durch sie hindurch den Raum anders als neben der Figur.
Indem man durch etwas hindurchsieht, kann man sich geistig hindurchbewegen. Das bedeutet, dass eine gläserne Plastik neben vielen Verführungen noch eine andere Möglichkeit bietet: Das Wieder-Absehen von dem, was man wahrgenommen hat. Man könnte auch sagen: das Vergessen. Wie wenn man das innere Auge auf die Figur einstellt – wie ein Objektiv. Man dreht weiter: dann verschwindet die Figur. Man erkennt den Raum „dahinter“.

Florian Lechner 1984